Hugo Distler: Totentanz

Dietrich Buxtehude: Das jüngste Gericht

Im Himmel ist der Tag. Wohl dem, der’s recht betracht!

Buxtehudes Jüngstes Gericht und Distlers Totentanz vom Hochmeisterchor


Dietrich Buxtehude und Hugo Distler trennen gut zweieinhalb Jahrhunderte, der eine war ein Kirchenmusiker in der zweiten Hälfte des 17., der andere Organist und Hochschullehrer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Wie vieles ihnen doch gemeinsam ist, wie sie sich ergänzen – das will der Hochmeisterchor in seinem diesjährigen Frühjahrskonzert am 13. März akustisch deutlich machen.


Organisten alle beide und damit fast selbstverständlich auch Chorleiter, sahen sie in der protestantischen Kirchenmusik einen wesentlichen Bereich ihres Schaffens. Buxtehude komponierte in seinen Lübecker Jahren – er war ab 1658 als Organist an der Marienkirche tätig - viel Musik für die von seinem Vorgänger eingerichteten Abendmusiken, in denen Kompositionen aufgeführt wurden, die durch keinen liturgischen Kontext eingeengt oder gekürzt waren. Erfolgreich warb er bei den Lübecker Bürgern um eine finanzielle Förderung für dieses Projekt und konnte so in der Vorweihnachtszeit so genannte Kirchen-Opern aufführen, eine norddeutsche Art des von Italien allmählich weiter nach Norden vordringenden Oratoriums. Auf Texte des Hamburger Pfarrers Hinrich Elmenhorst und geschickt dazu gesetzte Bibelverse komponierte er mindestens fünf Kirchen-Opern, die leider alle nicht mehr erhalten sind. Inzwischen wird aber wohl kaum mehr bestritten, dass die anonym überlieferte Komposition „Wacht! Euch zum Streit gefasset macht!“ (Sammlung des Stockholmer Kapellmeisters Gustav Düben, Universitätsbibliothek in Uppsala) Buxtehude zuzuschreiben ist.


Auch Hugo Distler (1908-1942) arbeitete als Organist in Lübeck, an der Kirche St. Jakob. Wie Buxtehude, der beim Ende des 30jährigen Krieges gerade 11 Jahre alt war, hat Distler als Kind das Kriegsende 1918 erlebt. Dieses Erleben hat beide geprägt: „O ihr Menschenkinder, ihr verderbten Sünder! In und außer euch ist Streit, dieses Wortes eindenk seid!“ mahnt Buxtehude im Eingangschor und Distler benutzt für seinen „Totentanz“ die Dichtung des schlesischen Barockdichters Angelus Silesius, im 7. Spruch heißt es: „Freund, streiten ist nicht g’nug, du musst auch überwinden!“


Das dreimalige „Wacht!“, auf einem gebrochenen C-Dur-Akkord aufsteigend gerufen, leitet in Buxtehudes Oratorium die Auseinandersetzung zwischen den Todsünden Geiz, Leichtfertigkeit, Hoffart und der göttlichen Stimme ein, die vom Wettstreit der bösen und der guten Seele gefolgt wird.


Hugo Distler fügt 14 Motetten zu einem Dialog zwischen Chor und Sprecher, entlang den Sprüchen des Lübecker Totentanzes aus der Marienkirche. Der dem Künstler Bernt Notke zugeschriebene Fries aus dem Jahr 1463 ist wohl unter dem Eindruck der Pest entstanden. Beginnend mit dem Papst und dem Kaiser über den Amtmann und den Handwerker bis hin zu jungen Leuten und Kindern lädt der Tod alle sozialen Schichten zum Tanz. Diese gesprochenen Partien, den niederdeutschen Reimversen nachgebildet, werden kompositorisch ergänzt durch  Zitate aus dem Werk des Angelus Silesius.

Buxtehude, der Organist in der Marienkirche, hat den Fries sicherlich gekannt, allerdings in einem trotz häufiger Nachbesserungen bereits stark beschädigten Zustand, in dem die Sprüche schon fast unleserlich waren. Der Fries wurde 1701 komplett kopiert (Anton Wortmann) und in barocken Versen neu getextet (Nathanel Schlott). Leider ist dieser Totentanz 1942 bei einem Bombenangriff zerstört worden.


In der Aufführung des Hochmeisterchores werden die Chorpartien aus dem Totentanz verschränkt mit Auszügen aus dem Jüngsten Gericht (die Texte können über Projektion mitgelesen werden). So kontrastreich sich diese Zusammenstellung präsentiert, so einheitlich ist die Grundlinie: Sünde, Tod und Erlösung bilden die Hauptmotive und der Ausklang verheißt Versöhnung: „Was Gott mir verheißen hat, der Tod ist mein Schlaf worden.“ (Buxtehude)  - „Die Seele, weil sie ist geborn zur Ewigkeit, hat keine wahre Ruh in Dingen dieser Zeit. Drum ist’s verwunderlich, dass du die Welt so liebst und aufs Vergängliche dich allzu sehr begibst.“ (Distler)


Christin Grohn-Menard